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Diagnose Erdnussallergie: Immer hohes Risiko für schwere Reaktionen?

05/29/2020
Dr. med. Antje Pizzulli

Botanisch betrachtet gehört die Erdnuss gar nicht zur Familie der Nüsse, sondern zu den Hülsenfrüchten. Rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen reagieren allergisch auf Erdnüsse. Ein positiver Antikörpernachweis im Blut oder ein Hauttest lässt aber noch keine Aussage über die Schwere einer möglichen allergischen Reaktion des Immunsystems zu.

Allergische Symptome können sich nach Kontakt mit Erdnussproteinen als vergleichsweise harmlose Reaktion im Mund zeigen. Aber auch potenziell lebensgefährliche Reaktionen – z. B. ein anaphylaktischer Schock – sind möglich. Erfreulicherweise ist die Mehrzahl der Sensibilisierungen harmlos und kommt durch Kreuzreaktionen mit Pollen-Allergenen (wie z. B. Birke) zu Stande.

Was ist der Unterschied zwischen einer Sensibilisierung und einer Allergie?

Bei einer Sensibilisierung werden beim Patienten nur Antikörper gegen Erdnussproteine im Haut- oder Bluttest festgestellt. Eine Allergie geht dagegen zusätzlich mit klinischen Beschwerden einher. Diese betreffen v. a. folgende Bereiche:

  • die Atemwege
  • das Verdauungssystem
  • die Haut
  • das Herz-Kreislauf-System (in schweren Fällen)

Treten starke allergische Symptome auf, kann dies zur Folge haben, dass zukünftig strikte Vermeidungsmaßnahmen notwendig sind.

Wie schnell treten allergische Symptome bei Patienten mit einer Erdnussallergie auf?

Eine Erdnussallergie ist eine Nahrungsmittelallergie vom Typ I (Soforttyp). Das bedeutet, dass die Symptome unmittelbar nach oder bereits bei dem Verzehr von Erdnüssen, spätestens jedoch nach Ablauf von zwei Stunden, auftreten. Von späteren Reaktionen wird sehr selten berichtet.

Erdnüsse weisen im Vergleich zu anderen Lebensmitteln ein sehr hohes allergisches Potential auf, da die Erdnuss einen hohen Eiweißanteil, darunter mehrere hitzestabile Speicherproteine aufweist, auf die der erdnussallergische Patient reagieren kann. Hitzestabil bedeutet, dass diese Proteine z. B. auch beim Rösten oder Kochen der Erdnüsse ihre allergieauslösenden Eigenschaften nicht verlieren.

Bereits Spuren von Erdnüssen sind kritisch

Allergische Symptome können sich bereits beim Kontakt mit bzw. Verzehr von sehr geringen Spuren (im Bereich von wenigen Milligramm) der Erdnussallergene ereignen. Deshalb findet sich auch auf vielen Lebensmitteln der Hinweis, dass Spuren von Erdnuss enthalten sein können.

Bei besonders schweren Formen der Erdnussallergie reicht bereits ein Hautkontakt oder das Einatmen kleinster Mengen, wie es zum Beispiel im Flugzeug über die Klimaanlage geschehen kann, um allergische Symptome auszulösen.

Wie kann es bereits bei Babys zu einer Erdnussallergie kommen?

Selbst Säuglinge können von einer Erdnussallergie betroffen sein. In diesem speziellen Fall wird das Erdnussallergen durch die Muttermilch übertragen (wenn die Mutter zuvor Erdnüsse gegessen hat), oder gar über Hautkontakt.

Bedeutung für Patienten

Ursächliche Behandlungsmöglichkeiten sind bisher begrenzt. Da die Erdnussallergie eine der Hauptursachen für schwere anaphylaktische Reaktionen bis hin zu Todesfällen ist, ergibt sich daraus für Betroffene in der Regel ein schwerer Eingriff in die bisherige Lebensführung.

Es stellt sich dann die Frage, ob Betroffene noch im Restaurant essen gehen können oder ob Eltern ihre Kinder auf den Ausflug oder zum Kindergeburtstag gehen lassen dürfen? Deshalb muss vor radikalen Einschränkungen und dem damit einhergehenden Verlust an Lebensqualität eine sorgfältige Allergiediagnostik stehen.

Diagnostische Möglichkeiten

Die Diagnostik einer Erdnussallergie ist etwas aufwändiger und erfolgt mittels der sogenannten „allergologischen Komponenten-Diagnostik“. Damit können hitzelabile kreuzreaktive Eiweiß-Komponenten, welche sich klinisch durch eher milde Allergiereaktionen auszeichnen, von den potentiell Anaphylaxie-auslösenden Komponenten differenziert werden.

Aus dem lateinischen Namen der Erdnuss (Arachis hypogaea) leitet sich die verwendete Abkürzung „Ara h“ für die verschiedenen Erdnussallergene bei Blutuntersuchungen ab. Bisher sind 13 unterschiedlich relevante Erdnussallergene (Ara h 1 bis Ara h 13) entdeckt worden. Die wichtigsten sind:

  • Speicherproteine: Ara h 1, Ara h 2, Ara h 3 und Ara h 6. Davon ist Ara h 2 neben Ara h 6 der aussagekräftigste Nachweis für das Risiko einer schweren Erdnuss-Allergie. Ein erhöhter Wert geht mit einer hohen Wahrscheinlichkeit einer klinisch relevanten Erdnussallergie einher. Allerdings kann leider nicht aus der Stärke bzw. dem quantitativen Wert einer Reaktion auf den Grad der allergischen Reaktion geschlossen werden.
  • Pflanzliche Stressproteine: z.B. Ara h 8. Eine positive Reaktion auf Ara h 8 hat in aller Regel keine anaphylaktoide Relevanz, da dieses Protein durch Hitzeeinwirkung beim Backen und Kochen zerstört wird.

Vorgeschichte, erlebte Symptome und Laborergebnisse (bis hin zu Nahrungsmittel- Provokationen) bestimmen die weitere Lebensführung

Ihr Arzt wird aufgrund der Symptome und Krankengeschichte festlegen, welche erdnuss-allergenspezifischen Antikörper im Blut bei Ihnen bestimmt werden. Kinder und Jugendliche, die nur auf Ara h 8 sensibilisiert sind und kein IgE gegen Speicherproteine (Ara h 2, Ara h 6) haben, entwickeln im Regelfall keine systemischen Reaktionen. Diese Patienten haben häufig auch eine Sensibilisierung gegen Birkenpollen.

Als klinische Beschwerden werden zumeist lokale Reaktionen an der Mundschleimhaut angegeben. Im Zweifelsfall kann eine orale Nahrungsmittelprovokation mit Erdnuss zur Überprüfung der Diagnose durchgeführt werden. Hierbei erhalten Sie unter ärztlicher Aufsicht gezielt Erdnuss-Allergene verabreicht und es wird geschaut, ob eine Reaktion auftritt.

Therapiemöglichkeiten

Bisher ist eine Erdnussallergie nicht heilbar. Leider heilt eine Erdnussallergie auch nur in den seltensten Fällen von selbst aus, wie dies bei manchen anderen Lebensmittelallergien der Fall ist.

Bei einer Allergie gegen das Speicherprotein Ara h 2 ist das Risiko einer schweren Reaktion hoch, somit steht die Vermeidung im Vordergrund. Dabei müssen nicht nur Erdnüsse, sondern auch die daraus gewonnen Produkte grundsätzlich gemieden werden.

Die Karenzmaßnahmen erstrecken sich nicht nur auf viele Lebensmittel, sondern auch auf Körperpflegeprodukte und Kosmetika, die Spuren von Erdnuss enthalten können.

Zukünftige Therapieoption: spezifische Immuntherapie?

Derzeit finden Studien mit Erdnussallergikern statt, die eine Wirksamkeit der spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) überprüfen. Bei diesen Untersuchungen werden den Patienten kleinste Mengen von Erdnussproteinen verabreicht. Die Dosis wird so lange gesteigert, bis zumindest eine oder mehrere Erdnüsse vertragen werden.

Ziel ist dabei nicht, dass die Patienten zukünftig große Mengen an Erdnüssen essen können, sondern dass bei versehentlichem Verzehr von Erdnussprotein eine allergische Reaktion ausbleibt. Dadurch ließe sich die Lebensqualität der Patienten deutlich erhöhen.

Vorbeugung: Notfallset gehört zum Inventar

Da es derzeit noch keine in Deutschland zugelassenen Medikamente zur spezifischen Immuntherapie der Erdnussallergie gibt und diese nach der jetzigen Studienlage auch nicht bei jedem Patienten hundertprozentig wirken, steht die Vermeidung weiterhin im Vordergrund.

Wenn eine Anaphylaxie-gefährdende Allergie gegen Erdnussproteine bekannt ist bzw. nachgewiesen wurde, wird Ihr Arzt Ihnen einen Allergiepass ausstellen und ein sogenanntes Notfallset verschreiben. In diesem sind enthalten:

  • Adrenalin zur Selbstinjektion (Autoinjektor)
  • Kortison
  • ein schnell wirkendes Antihistaminikum

Die Verwendung der Notfallmedikamente sollten alle Menschen im Umfeld des Erdnussallergikers kennen.

Zusammenfassung

Wenn Sie allergische Reaktionen nach dem Verzehr von Erdnüssen bzw. Lebensmittel mit Erdnüssen bei Ihrem Kind oder sich festgestellt haben, sollten Sie dies Ihrem Arzt bzw. Kinderarzt mitteilen, damit entsprechende o.g. diagnostische und therapeutische Schritte unternommen werden.

  • Dokumentieren Sie die festgestellten klinischen Symptome und beteiligten Organsysteme (wie z. B. an der Haut, Lunge oder Magen-Darmtrakt).
  • Notieren Sie sich, was Sie oder Ihr Kind gegessen haben/hat (auch die Menge), sofern erinnerlich.
  • Wenn Sie oder ihr Kind Symptome eines anaphylaktischen Schocks, wie z.B. Schwindel, Kopfschmerzen, Hautreaktionen, Atemwegsreaktion etc. entwickeln, sollten Sie beim ersten Mal unverzüglich den Notarzt anrufen! Telefonnummer 112
  • Nach einer schweren Reaktion auf Erdnüsse lassen Sie sich unverzüglich in die Handhabung eines Notfallsets (s. o.) einweisen und einen Notfallpass ausstellen.
  • Achten Sie beim Einkauf von Lebensmitteln auf dem Wochenmarkt oder beim Restaurantbesuch darauf, ob Erdnüsse enthalten sind. Hier ist in der Regel leider keine Kennzeichnungspflicht wie bei verpackten Lebensmitteln vorgegeben.

Ernährungsberatung kann wichtig sei

Eine individuelle Ernährungsberatung bei einer allergologisch geschulten Fachkraft ist sehr empfehlenswert. Einseitige Diäten unter Vermeidung sämtlicher Lebensmittel, die möglicherweise Spuren von Erdnüssen enthalten, sind nicht zu empfehlen.

Dr. med. Antje Pizzulli (Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Allergologin, Kinderpneumologin, Asthma-und Neurodermitistrainerin)
Auguste-Viktoria-Allee 21, 13403 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 - 413 70 61
Website: https://www.allergiekids.de

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