Erklärt - Kurz & prägnant

Blutuntersuchungen auf IgG bei Verdacht auf Lebensmittelallergie nicht empfehlenswert

04/07/2020
Dr. med. Florian Heimlich

Überempfindlichkeits- oder allergische Reaktionen gegen Nahrungsmittel betreffen viele Menschen. Patienten, die unter chronischen Erkrankungen oder unspezifischen Beschwerden, wie z. B. dem Reizdarmsyndrom, entzündlichen Autoimmun-Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), Neurodermitis, Migräne oder chronischer Müdigkeit leiden, vermuten oft eine nicht erkannte Nahrungsmittelunverträglichkeit als Ursache.

Im Internet werden in Anzeigen sogenannte IgG-Bluttests als geprüfte Testverfahren beworben: „Jetzt herausfinden, was dir gut tut und Verträglichkeit von xx Lebensmitteln im zertifizierten Labor testen. …

Patienten stehen mit großer Verbotsliste allein da

Ihr Blut wird dabei auf IgG-Antikörper gegen bis zu 300 verschiedene Nahrungsmittel untersucht. Mit der Auswertung erhalten Sie eine Liste der Produkte, die sie künftig meiden sollen und stehen mit dieser Information dann allein da. Eine Fehl- oder Mangelernährung kann bei einseitigen Diätversuchen die Folge sein. Dies ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen problematisch, die sich noch im Wachstum befinden.

Für was steht IgG überhaupt?

Immunglobulin G (IgG) ist eine Antikörperklasse, die in Geweben und im Blut des Menschen vorkommt. Die IgG-Antikörper werden von Plasmazellen des Immunsystems gebildet und machen etwa 80 % aller Antikörper aus.  Ein IgG-Test ist eine Blutuntersuchung, die das Vorhandensein von Immunglobulin G im Blut misst. Manche Praxen empfehlen diesen Test und er wird von manchen direkt Laboratorien angeboten, z. B. auch im Internet.

IgG-Antikörper werden auch bei ganz gesunden Menschen vom Immunsystem gebildet und lassen sich im Blut nachweisen. Die Bildung von IgG stellt also eine ganz normale Reaktion unseres Körpers dar und bedeutet keinesfalls, dass Sie in irgendeiner Weise krank oder allergisch sind!

Bedeutung für Patienten

IgG-Antikörper werden unter anderem als normale Reaktion gegen gegessene Nahrungsmittel gebildet. Bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie ist es deshalb nicht sinnvoll, einen IgG-Test durchführen zu lassen. Wenn Sie sich vielseitig und ausgewogen ernähren, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass IgG-Antikörper gemessen werden. Dies hat für Sie keinerlei klinische Bedeutung. Vielmehr sollten Sie bei Ihrer ausgewogenen Ernährung bleiben.

Fehlinterpretation der Ergebnisse verunsichert „Patienten“

Werden die Ergebnisse einer IgG-Bestimmung falsch interpretiert, wird der Patient (der vermutlich gar keiner ist) verunsichert und zu unnötigen Diäten ermutigt. Risiken – gerade auch für Heranwachsende – sind Mangelernährung und einer verminderte Lebensqualität. Essenseinladungen und Restaurantbesuche werden dann zum unnötigen Problem.

Wenden Sie sich deshalb bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie bzw. Unverträglichkeit an einen Facharzt für Allergologie.
Dieser wird meistens folgendermaßen vorgehen:

  • Mittels eines Allergietests an der Haut (Pricktest) oder einer Blutbestimmung (IgE im Serum) gegen das verdächtige Nahrungsmittel wird überprüft, ob eine Allergie vorliegt. Ein positives Testergebnis wird in Hinblick auf die klinische Bedeutung mit Ihnen besprochen.
  • Das verdächtige Nahrungsmittel wird vorübergehend von der Einkaufsliste und dem Speiseplan gestrichen.
  • Bessern sich die Beschwerden, liegt vermutlich ein ursächlicher Zusammenhang vor. Sie erhalten dann ansteigende Mengen des verdächtigen Lebensmittel unter ärztlicher Aufsicht. Damit wird getestet, welche Menge des Nahrungsmittels überhaupt vertragen wird.
  • Kommt es dabei erneut zu Beschwerden an Haut, Atemwegen, Magen-Darmtrakt oder Kreislauf, ist die Diagnose der Nahrungsmittelallergie gesichert. Es sollte sich eine Diätberatung anschließen und bei schweren Reaktionen auch eine Notfall-Schulung erfolgen.

Fazit

IgG-Antikörper im Blut sind weder die Ursache einer Allergie noch zeigen sie eine solche an. Somit eignet sich der Test nicht zur Bestimmung von Nahrungsmittelallergien.

Führen Sie ohne allergologische Testung und Beratung durch einen Facharzt keine beeinträchtigende und potenziell gesundheitsschädliche Diät durch. Sie sparen zudem Geld, da Sie die beworbenen IgG-Bestimmungen üblicherweise selbst zahlen müssen.

Dr. med. Florian Heimlich (Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Allergologie und Schlafmedizin)
Karlsruher Straße 86, 69126 Heidelberg
info@praxis-heimlich.de
http://www.hno-praxis-heidelberg.de

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